Ein Bericht in "Blasmusik - Juli/August 2020" von Redakteurin Martina Faller

Zu Hause im Konzert

Hauskonzerte haben eine lange Tradition. Sie reicht von den Schubertiaden in den großbürgerlichen Salons des 18. und 19. Jahrhunderts bis zu den angesagten Wohnzimmer-Gigs in den Großstädten von heute. Dank digitaler Medien erreichen Hauskonzerte ein Publikum, das jeden Salon und jedes Wohnzimmer sprengen würde. Das macht sich auch die Stadtkapelle Kirchheim unter Teck zunutze. Mit den „Zu-Haus-Konzerten“ der vereinseigenen Bläserschule gelingt es ihr auch in Corona-Zeiten, das Publikum zu binden und die Schüler zu motivieren.

marc onlineunterricht modStadtkapellmeister Marc Lange gibt aus dem Homeoffice den Ton an und den Takt vor. Mit den Kindern und Jugendlichen der Bläserschule setzte er die Idee der „Zu-Haus-Konzerte“ erfolgreich um.Von jetzt auf gleich ging bei der Stadtkapelle Kirchheim nichts mehr. Mitte Februar hatte sich das Sinfonische Blasorchester beim internationalen Wettbewerb in Prag noch das „Goldene Band“ in der Höchststufe erspielt – einen Monat später führte die Corona-Pandemie zunächst zur Absage des Bläserschülervorspiels und des für Ende März geplanten Concertos – einer der musikalischen Höhepunkte im Vereinsjahr – und schließlich auch zum Einstellen des gewohnten Unterrichts- und Probenbetriebs. Doch obwohl die Corona-Pandemie das Vereinsleben grundlegend veränderte, zum Erliegen kam es nicht. Es verlagerte sich nur vom Probenlokal in den virtuellen Raum, von analog zu digital. Mit den Kindern und Jugendlichen der Bläserschule setzte er die Idee der „Zu-Haus-Konzerte“ erfolgreich um. Über Laptop und Kamera blieb Stadtmusikdirektor Marc Lange mit seinen Musikern und mit den Schülern und Eltern der vereinseigenen Bläserschule in Verbindung und gab aus dem Homeoffice den Ton an. "Das ist zwar ein völlig anderes Arbeitsfeld, aber nicht unbedingt weniger Arbeit“, weiß Lange. In Absprache mit Eltern, Schülern und Lehrern stellte der Stadtmusikdirektor den Instrumentalunterricht auf Online-Unterricht um und entwickelte Projekte für den Jugendbereich der Stadtkapelle. „Dank meines umfangreichen Stellenumfangs konnte ich schon von der ersten Stunde an Impulse setzen“, berichtet Lange – auch dank technischer Hilfsmittel und digitaler Medien. So beteiligte sich die Jugendkapelle am Wettbewerb „Kirchheim kreativ daheim“ und spielte, zusammengesetzt aus Einzelstimmen, die „Ode an die Freude“ von Ludwig van Beethoven ein. „Bei diesem Projekt haben wir gemerkt, wie viel Arbeit das Zusammenschneiden der Einzelstimmen bereitet, wenn es entsprechend gut klingen soll“, erinnert sich Marc Lange. Dennoch wollte er weiterhin mit den Schülern in Kontakt und mit ihnen musikalisch am Ball bleiben. Außerdem wollte er weiterhin den Doppeleffekt nutzen, der schon beim Wettbewerbsbeitrag spürbar wurde:

Einerseits ging es ihm darum, ein positives Signal nach außen zu senden und der Öffentlichkeit zu zeigen, „dass es uns noch gibt“; andererseits möchte er intern die Motivation stärken und den Schülern ein Ziel für das häusliche Üben setzen. Inspiriert von den Hauskonzerten und Schubertiaden des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts entwickelte er die Idee einer Online-Konzertreihe. Die Konzerte entsprechen vom Charakter her einem klassischen Jugendvorspiel und laufen auch ähnlich ab: Nacheinander spielen die Kinder und Jugendlichen, die im Instrumentalunterricht mit ihren Lehrern erarbeiteten Stücke vor, nur eben nicht vor Publikum, sondern vor laufender Kamera. Und genauso wie bei jedem „echten“ Vorspiel mussten erst einmal alle Schüler, Eltern und Lehrer informiert werden. Mehr noch. Technische Vorgaben erklärt, manchen Schülern oder Eltern technische Hilfestellung gegeben und Datenschutzerklärungen eingeholt werden. Bevor indes die Videos hochgeladen werden, muss der Instrumentallehrer erst noch sein Okay geben. „Ich wollte nicht in die Situation kommen, Videos aussortieren zu müssen“, erklärt Marc Lange das Prozedere. Jeden Freitag um 20 Uhr laufen bei ihm die Fäden, sprich die Videos, zusammen, die er dann an Florian Stoll weiterleitet. Der 19-jährige Fagottist der Jugend- und Stadtkapelle ist zuständig für den Schnitt und hat auch das Konzept erarbeitet. Nachdem das einmal stand und von den Verantwortlichen für gut befunden wurde, konnte er loslegen, Intro und Outro gestalten und die Schnittfenster befüllen. „Am Anfang war das schwieriger und mit größerem Zeitdruck verbunden, weil ich am Samstag oft noch auf Beiträge warten musste“,

berichtet der angehende Veranstaltungstechniker. Aktuell schneidet er das vierte „Zu-Haus-Konzert“ und hat inzwischen nicht nur die nötige Routine. Vielmehr kann er mittlerweile auf einen Vorrat an Videos zurückgreifen. „Die Kinder und Jugendlichen sind mit großer Begeisterung dabei und nehmen feißig Videos auf. Die nächsten beiden Wochen sind im Prinzip schon gebongt.“

„Niemand muss, aber alle dürfen“ – vom Bläserklassenkind bis zum erfahrenen Juka-Spieler

Dass er aus dem Vollen schöpfen kann, verwundert indes nicht. Schließlich befnden sich derzeit über 120 Kinder und Jugendliche in der Ausbildung an der vereinseigenen Bläserschule. Und alle Schülerinnen und Schüler – von der Bläserklasse über das Anfänger- und Vorstufenorchester bis hin zur Jugendkapelle sind angesprochen. „Das ist eine Riesenbandbreite und toll, dass alle mitmachen!“, freut sich Marc Lange und betont: „Niemand muss, aber alle dürfen.“ Da ist die 7-jährige Lia aus dem Anfängerorchester mit ihrer Querföte und dem Kinderlied „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ genauso vertreten, wie die Zwillinge Luca und Lena mit der auf der Klarinette interpretierten Mozart-Serenade in C oder die 15-jährige Sandra, die auf dem Alt-Saxophon gekonnt den Pequeña Czarda von Pedro Iturralde intoniert.

bdbv bericht 07 0820Bei den „Zu-Haus-Konzerten“ der Stadtkapelle Kirchheim zeigt der Nachwuchs, was er kann und dass er auch in der Corona-Pause musikalisch am Ball bleibt. Von links: Marilen Lutz, 11 Jahre (Posaune, Vorstufenorchester), Sandra L., 15 Jahre (Altsaxophon, Jugendkapelle) und Hannes Glaßer, 9 Jahre (Euphonium, Anfängerorchester).

Begeisterung und eine gesunde Portion Perfektionismus muss auch Florian Stoll mitbringen. Denn trotz aller Routine steckt immer noch viel Arbeit in den Konzertvideos: Bei jedem Einzelvideo müssen Ton und Bild nachbearbeitet, ein neuer Abspann erstellt und ein neues Intro angefügt werden. Fünf bis sechs Stunden Zeit investiert Florian Stoll pro Woche, damit jeden Sonntag ein neues „Zu-Haus- Konzert“ auf dem YouTube-Kanal der Jugendabteilung der Stadtkapelle Kirchheim Premiere feiern kann. Das erste „Zu-Haus-Konzert“ hatte am 17. Mai Premiere und war sieben Tage auf YouTube verfügbar, bis es vom nächsten Konzert abgelöst wurde. Seither und bis zum Erscheinen dieser blasmusik-Ausgabe fanden insgesamt sieben „Zu-Haus-Konzerte“ statt, inklusive einer XXL-Ausgabe aus einem Zusammenschnitt der ersten drei Konzerte in den Pfingstferien. Applaus gab es keinen. Bei den „Zu-Haus-Konzerten“ wird der Beifall in Klicks gespendet.

Und diese Zahlen lassen jeden Konzertveranstalter neidisch werden. Weit über 600 Zuschauer haben das erste „Zu-Haus-Konzert“ gesehen und auch die Folgekonzerte erzielten zwischen 300 und 450 Klicks.
Inzwischen hat die Stadtkapelle Kirchheim den Präsenzunterricht wieder aufgenommen und auch die Vorbereitungen für Registerproben und ein Kammermusikkonzert laufen bereits auf Hochtouren. Dennoch möchte Marc Lange die "Zu-Hause-Konzerte" auf jeden Fall noch bis zu den Sommerferien durchziehen. Und vielleicht ist dann sogar ein Videobeitrag von Florian Stoll mit seinem Fagott vertreten. Mit dabei ist der junge Fagottist aber auf jeden Fall dann, wenn die Jugend- und Stadtkapelle Kirchheim wieder auf einer echten Bühne Platz nimmt und ihnen echter Applaus entgegenschallt. Denn das ist für Musiker immer noch das Höchste der Gefühle und durch nichts zu ersetzen.

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