Ein Pressebericht im Teckbote am 28.04.2020 von ANDREAS VOLZ

Die Musik kommt aus dem Homeoffice

Proben und Unterricht finden nur noch per Videokonferenz statt. Aber so halten sich die Kirchheimer Musiker fit, um bei den ersten Auftritten nach Corona bewährte Qualität bieten zu können.

marc onlineunterricht modGute Musik trotz großer Distanz: Stadtmusikdirektor Marc Lange gibt jetzt von zuhause aus den Ton an. Laptop und Kamera verbinden ihn mit den Musikern der Kirchheimer Stadtkapelle.

Was macht eine Stadtkapelle in Zeiten von Corona? Was ihren Mitgliedern fehlt, ist die Möglichkeit, sich regelmäßig zu den gewohnten Proben zu treffen, um gemeinsam neue Werke einzustudieren und an ihrer Interpretation zu feilen. Was mindestens genauso fehlt: der Kontakt zum Publikum, bei Konzerten und sonstigen Traditionsveranstaltungen im Jahreslauf.

Eigentlich hatte das Jahr für die Stadtkapelle Kirchheim wunderbar begonnen: Mitte Februar war das Symphonische Blasorchester in Prag - aber nicht um die Sehenswürdigkeiten der tschechischen Hauptstadt abzuklappern, sondern um am internationalen Musikwettbewerb teilzunehmen. Die Kirchheimer spielten in bewährter Qualität und konnten sich in der „Goldenen Stadt“ für ihre Arbeit mit dem goldenen Band in der Höchststufe belohnen lassen.

Anfang März war plötzlich alles anders. Der geschäftsführende Vorsitzende Rainer Mühlherr bringt es auf den Punkt: „Mit dem Ausbruch der Corona-Epidemie in Deutschland hat sich innerhalb von nur wenigen Tagen das Vereinsleben grundlegend geändert.“ Zunächst dachte man noch, es würde genügen, Urlaubsrückkehrer aus Risikogebieten darum zu bitten, für die entsprechende Quarantänezeit auf die Teilnahme an den Proben zu verzichten.

Dann aber kam es viel extremer: „Binnen einer Woche wurden zunächst das Vorspiel der Bläserschüler und nur wenige Tage später auch von Seiten des Kulturrings das für Ende März geplante Concerto abgesagt - für die Stadtkapelle einer der Höhepunkte des musikalischen Jahres.“ Und es sollte nicht nur die Höhepunkte betreffen. Seit Mitte März gab es auch keine gemeinsamen Proben mehr. Das ist ein his­torischer Tiefpunkt, wie Rainer Mühlherr berichtet: „Eine solche Situation hatte der Verein in seiner über 180-jährigen Geschichte nur während der beiden Weltkriege.“

Aber trotz allem sollten die Einschnitte durch die Corona-Pandemie nicht ganz so tief ausfallen wie die Einschnitte durch die Weltkriege. Selbst wenn jetzt sogar das samstägliche Turmblasen ausfallen muss, besteht ja die berechtigte Hoffnung, dass die aktuelle Krise keine viereinhalb oder gar sechseinhalb Jahre lang andauert. Außerdem gibt es entsprechende technische Hilfsmittel, die das gemeinsame Musizieren trotz räumlicher Ferne ermöglichen.

Götterfunken gegen die Krise

Rainer Mühlherr verweist in diesem Zusammenhang auf die Aktion „Musik aus dem Fenster“. Sonntags um 18 Uhr öffnen Musiker in ganz Deutschland - Profis genauso wie Laien - ihre Fenster oder stellen sich auf Terrassen und Balkone, um gemeinsam zu musizieren. Mit Musik geht schließlich alles besser, auch die Bewältigung der Krise. Auf dem allgemeinen Programm dieser sonntäglichen Konzerte steht die Schiller-Beethovensche Hymne an die Menschheit: „Freude, schöner Götterfunken“. Dieser musikalische Funke soll regelmäßig überspringen.

Die Kirchheimer Stadtkapelle arbeitet aber auch regelmäßig hart an neuen Programmen - für die Zeit, in der sie wieder gemeinsam auftreten kann. Stadtmusikdirektor Marc Lange hat sich zwangsweise ins Homeoffice zurückgezogen und verteilt von dort die Noten auf digitalem Weg. Auch Einzelproben lassen sich per Videokonferenz gestalten. Das gilt sogar für den Unterricht, denn der Nachwuchs liegt der Stadtkapelle besonders stark am Herzen.

Rainer Mühlherr sagt dazu: „Den Unterricht virtuell aufrechtzuerhalten ist eine Herkulesaufgabe für alle Beteiligten. Aber es ist auch deshalb wichtig, weil die Musik den Kindern in dieser Zeit einen Halt geben kann.“ Ein weiteres Problem, wenn die Schulen geschlossen sind: Normalerweise würde die Stadtkapelle jetzt Werbung machen für die Bläserklassen der weiterführenden Schulen. Analog geht das nicht. Deswegen setzt der Verein auch hier aufs Digitale und schneidet Videomaterial zu Werbeclips zusammen. Die Jugendkapelle hat sogar einen eigenen Film erstellt, als Beitrag zum Wettbewerb „Kreativ daheim in Kirchheim“. Flexibilität und Kreativität ermöglichen also ein fast normales Vereinsleben. Nur eins ist dieses Jahr ersatzlos gestrichen: der „Hock am Ring“ zu Christi Himmelfahrt.

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